Tod durch Unterlassung

Ich bin ein wenig angesäuert wegen der unterirdischen Performance meines Hosting-Providers Strato bei meinem jüngsten Support-Fall. Der Server, wo unter anderem echoray.de drauf liegt war vom 19. auf den 20. Dezember fast 24 Stunden offline, weil bei Strato rein gar nichts klappte.

Aus Gründen, die man lieber nicht erörtern möchte (man wird aggressiv dabei) verwendet Strato auf seinen VServern bis heute einen gepatchten Linux-Kernel der Version 2.6.9. Technisch ist dieser Kernel auf dem Stand von Oktober 2004, also völlig veraltet. Mit an Bord dieses Kernels sind "nonstandard Tux optimization patches". Tux ist eine der Jugendsünden von Linux. Es handelt sich um einen direkt im Betriebssystem-Kern implementierten Webserver. Das Dingen sollte eigentlich bei Linux 2.6 gar nicht mehr dabei sein, lediglich Redhat liefert Tux immer noch mit aus. Von Redhat fand der Tux seinen Weg in das OpenVZ-Projekt, und von dort zu Strato auf meinen Server. Ich denke nicht dass Strato Verwendung für den Tux-Webserver hatte, er war einfach nur da. Das hätte niemanden weiter interessieren müssen, wenn sich die Optimierungs-Patches für Tux denn mit der neuen GNU libc 2.7 vertragen hätten. Haben sie aber nicht. Unmittelbar nach meinem arglosen Update auf glibc 2.7 hatte ich einen Server, auf dem nichts mehr funktionierte, weil er keine Dateien mehr öffnen konnte. Auf Deutsch: Das Betriebssystem war durch das Update irreparabel kaputtgegangen.

Das war per se erstmal schlecht, aber es war 17 Uhr und ich hatte ein vollständiges Backup des Servers von 14.30 Uhr des gleichen Tages. Ein paar Foren-Posts würden verlorengehen, aber es würde alles wieder gut werden… dachte ich mir.

Gott allein weiß warum das Zurückspielen von 10 GB Daten bei Strato 24 Stunden gedauert hat. Nach 10 Stunden habe ich eine Mail an den Strato-Support geschrieben. In meiner grenzenlosen Naivität hatte ich damit gerechnet, dass wie damals bei Hetzner innerhalb einer Stunde ein Techniker meine Anfrage beantworten würde. Nix da. 28 Stunden hat Strato gebraucht, bis eine Antwort kam. Als es soweit war war der Server gottlob schon lange wieder funktionsfähig.

Besonders sauer macht mich folgendes: Am Anfang der Woche, drei Tage vor dem kleinen glibc-Unfall, kam eine eMail von Strato, die sich vor allem durch hirnloses Marketing-Gewäsch hervortat. Sinngemäß stand drin "wir führen ein unumgängliches Update durch, um Ihnen weiterhin die gewohnte Service-Qualität bieten zu können". Aus heutiger Sicht glaube ich zu wissen, woraus das Update besteht: Ein glibc-2.7-kompatibler Kernel. Anstatt dummen Gewäschs wäre eine klare Ansage sinnvoll gewesen: "Unser Kernel ist zu alt. Wir warnen vor einem Update auf glibc 2.7, bevor wir unsere Hausaufgaben gemacht haben". Wenn sie das so an alle ihre VServer-Kunden geschickt hätten, hätten sie allerdings schlecht ausgesehen. Ich wäre dann aber nicht ins offene Messer gelaufen.

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Ein Kommentar zu Tod durch Unterlassung

  1. fnord sagt:

    Ich hatte witzigerweise zu einer ähnlichen Zeit das gleiche Problem. Ich versuchte mich an einem Update von debian stable auf Testing. Praktischerweise kam eine Fehlermeldung beim Update, sinngemäß „möglicherweiße macht die neue glibc dein System kaputt“. Ich habs natürlich prompt weggeklickt.
    Gleiches Phänomen nun, nur statt eines Backups hab ich mir Debian Etch „neu installieren“ lassen. Von Strato. Das hat netterweise auch nur 5-6 Stunden gedauert (Angabe beim Webkonfigurationssystem: 1-2 Stunden). Seitdem läufts.

    Die Email von Strato mit dem Update haben sie mir allerdings erst letzte Woche geschickt, auch mit ähnlich wagen Worten:

    „Das Update wird im Laufe nächster Woche direkt nach dem täglichen Backup
    durchgeführt. […] In dieser Zeit ist Ihr Server kurzzeitig nicht erreichbar.“

    Juhu. Da hat jemand tatsächlich geschafft, eine völlig informationsfreie Email zu verschicken: Ich weiß nicht was wann wie lange wieso meinen Server außer Kraft setzt.
    Ich wurde vor Strato gewarnt, wegen schlechtem Support. Ich dachte mir: Support brauchst du eh nicht. Eigentlich richtig, wenn sich dieser nicht mir aufzwingen würde.

    Ein hoch auf Strato.

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