Die Vermessung der Welt

"Imagine: Thousands of wikipedians all over the world emerging from their basements, roaming streets, shorelines, walking along rivers and climbing mountains, their GPS receivers in one hand, the data-logging laptop in the other, to discover new life and new civilizations, to boldly wander where no geek has wandered before".

–Magnus Manske
 

Kollege Manske hatte Unrecht. Das WikiProjekt Geokoordinaten hat leider nie solche Ausmaße angenommen, dass eine nennenswerte Zahl von Wikipedianern mit GPS-Empfängern durch die Gegend gelaufen wären. In vielen Fällen wurde ganz bequem vom Schreibtisch aus mit Google Earth gearbeitet. Und doch sieht es so aus, als ob sich einige Jahre später Magnus‘ Vision doch noch bewahrheiten könnte.

In Großbritannien wurde bereits 2004 das Projekt OpenStreetMap (OSM) begonnen. Ziel ist die Erstellung einer frei verfügbaren Weltkarte, verwendbar beispielsweise als Stadtplan oder zur Navigation. Wenn es um Landkarten geht gibt es allerdings auch handfeste wirtschaftliche Interessen. Zwei Anbieter, Navteq in den USA und TeleAtlas in Europa, haben beispielsweise den Markt für das Kartenmaterial in Navigationsgeräten praktisch unter sich aufgeteilt und verdienen damit gut Geld. Karten-Updates sind so teuer, dass es sich meist eher lohnt, ein komplett neues Navi zu kaufen. Jetzt stelle man sich mal vor, was passiert wenn die Firmen feststellen, dass sie weniger Karten verkaufen, weil die Leute sich kostenlose OSM-Karten auf die Navis laden…

Noch ist es aber nicht so weit. Die OSM-Karte ist derzeit praktisch nur in den Großstädten irgendwie brauchbar, während sie auf dem Lande heftige Lücken hat. Entsprechend der Herkunft der Teilnehmer sind Europa und die USA derzeit auch viel weitgehender vermessen als der Rest der Welt. Die Arbeiten an der OSM-Karte erfordern massive Manpower, und die findet sich derzeit vor allem in Universitätsstädten, wo es technikaffine Geeks gibt.

Um keine Urheberrechte zu verletzen ist es notwendig, dass tatsächlich Menschen rausgehen und mit Tracking-fähigen GPS-Geräten Straßen und Wege vermessen. Alternativ dazu hat Yahoo freundlicherweise Luftbilder einiger Großstädte überlassen, die wir zum abmalen unter die Karte legen können. Ich finde allerdings, dass die Arbeit in der freien Natur mit dem GPS um Längen mehr Spaß macht. Wenn einem mal wieder die Eltern in den Ohren liegen mit "geh doch mal raus an die frische Luft anstatt immer am Computer zu hocken", ist OSM eine echte Option…

Die Sache mit den Urheberrechten ist überaus ernstzunehmen. Kartenanbieter bauen zum Beispiel "Easter Eggs" in ihre Karten ein. Das können Straßen sein, die es in echt gar nicht gibt oder absichtliche Falschschreibungen von Straßennamen. Anhand solcher Merkmale kann man dann später vor Gericht beweisen, dass jemand unerlaubt kopiert hat. Das geht so weit, dass ich zur Bestimmung von Straßennamen für OSM keinesfalls in einen Stadtplan gucken darf, sondern die Namen von den originalen Straßenschildern abschreiben muss, um keine Urheberrechtsverletzung zu begehen.

OSM hat das Zeug dazu, nach Wikipedia das nächste große Ding der Crowdsourcing-Bewegung (wir nutzen die Arbeitskraft zahlreicher freiwilliger Mitarbeiter) zu werden. Das Projekt ist gerade dabei, eine gewisse kritische Masse zu erreichen. Schätzungen gehen davon aus, dass der deutsche Teil der Karte in 1-2 Jahren soweit ist, dass man mal ernsthaftere Versuche mit z.B. Navigation starten könnte. Bis die Qualität der Routing-Informationen aus einer OSM-Karte aber mit kommerziellen Produkten mithalten kann, wird noch etwas mehr Zeit vergehen.

Um für OSM Straßen und Wege einzumessen, benötigt man zwingend ein trackendes GPS. Die meisten herkömmlichen Navis fallen dafür aus. Tracking bedeutet, dass der GPS-Empfänger den zurückgelegten Weg aufzeichnet. Man kann sich das wie bei Hänsel und Gretel vorstellen (die benutzten kein GPS, sondern Brotkrumen um den Weg aufzuzeichnen). Die Einstiegshürden bei OSM sind daher bedeutend höher als bei Wikipedia. Im Wiki was in eine Textbox eintippen kann im wahrsten Sinne des Wortes jeder Depp. Um bei OSM mitzumachen muss man erstmal gut 200 € in ein GPS investieren und einige nicht ganz einfache Editing-Konventionen lernen.

Irgendwann wird der begeisterte Openstreetmapper allerdings darauf gestoßen, dass etwas nicht stimmt. Die Gegend rund um das eigene Häuschen ist nach wenigen Tagen vollständig kartografiert. Jetzt werden die Reisen langsam länger. Irgendwann wird man an die Reichweitengrenze seines Fahrrads stoßen. Dann muss man sich entscheiden. Fahre ich mit dem Auto los, um irgendein noch fehlendes Dorf einzumessen? Oder beschränke ich mich fortan eher doch auf Mitarbeit vom Schreibtisch aus und nehme nur noch gelegentlich GPS-Tracks auf?

Für das Tracking habe ich mir ein Garmin etrex Legend HCx besorgt. Der verwendete MTK-Chipsatz gehört anerkanntermaßen mit zum Besten, was man derzeit zu erschwinglichen Preisen an GPS-Technik kaufen kann. Als zusätzliches Goodie unterstützt das etrex die DGPS-Verfahren WAAS und EGNOS. Unter Idealbedingungen habe ich ohne DGPS 3 Meter Genauigkeit beobachtet, mit D-Korrektur 2 Meter. Diese vom Gerät angezeigte Genauigkeit ist allerdings nur ein Kreisfehler. Die schlechte Nachricht ist: Nur mit 50 % Wahrscheinlichkeit liegt die angezeigte Position innerhalb von 2 Metern, mit 50 % Wahrscheinlichkeit liegt sie draußen. Hier kommt einem allerdings die Statistik zu Hilfe: Mit 95 % Wahrscheinlichkeit liegt die angezeigte Position im Umkreis von zweimal der angezeigten Genauigkeit. Genauigkeit ist zwar wichtig, die schmutzige Wahrheit ist aber: Es ist egal. Ein Navi wird nicht aus dem Tritt gebracht, nur weil die Straße um ein paar Meter falsch liegt. Außerdem: Auch die professionellen Kartenabieter kochen teilweise nur mit Wasser. Auch da fährt jemand mit einem GPS die Straße ab. Das gilt vor allem, wenn es um kleinere Aktualisierungen geht.

Garmin hat bei der sonstigen Ausstattung des Geräts ein wenig geknausert. Nicht einmal Batterien liegen bei, geschweige denn eine Speicherkarte. Die ist zwingend erforderlich, wenn man eigene Karten auf das Gerät laden will. Im internen Gerätespeicher befindet sich lediglich eine primitive Basiskarte, die nur ganz grob Autobahnen und Bundesstraßen enthält, und wohl auf einem Stand ist, als es das Autobahn-Teilstück Freienohl-Arnsberg noch nicht gab.

Man kauft also eine MicroSD-Karte für 10 Euro dazu, und kann dann witzigerweise OSM-Kartenmaterial auf das Gerät laden, denn das Garmin-Kartenformat ist bereits ausreichend reverse-engineered worden. Das ist für mich eine unglaublich wertvolle Hilfe, denn ich sehe so während ich unterwegs bin auf einen Blick, welche Wege in der OSM-Karte noch fehlen.

Der einzige wirkliche Kritikpunkt der mich nervt ist die Tatsache, dass das etrex ohne Speicherkarte die GPS-Tracks rigoros auf "markante" Punkte reduziert und das Time-Tag rausstrippt, was die Tracks für OSM unbrauchbar macht. Man kann das umschiffen, indem man einfach nicht speichert, aber der Speicher ist in der höchsten Auflösung nach gut 3 Stunden voll. Mit Speicherkarte sind die Time-Tags dabei, aber die Wegpunkte werden leider nicht mit in der GPX-Datei abgelegt. Man muss sie separat runterladen.

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Ein Kommentar zu Die Vermessung der Welt

  1. Martin Hahn sagt:

    Interessanter Artikel; kleine Anmerkung zur finanziellen Einstiegshürde:
    ich „mappe“ seit Wochen und habe ein WINtec-Gerät für weniger als 100EUR. Das tuts völlig wenn man nur Daten sammelt und erst mal keine Ortung mit Display etc. haben möchte.

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