Der neue Star Trek Film – Ein Schritt in die falsche Richtung

Nachdem es bei James Bond so gut geklappt hat, hat der Uni Film Club auch für Star Trek eine Premierenvorstellung mit Rahmenprogramm auf die Beine gestellt. Professor Metin Tolan von der Dortmunder Physik erzählte uns als Vorprogramm etwas über Exoplaneten, Warpantrieb und Zeitreisen. Die gute Nachricht ist: Überlichtschnelles Reisen und Reisen in die Vergangenheit sind bei der gegenwärtig für gültig erachteten Relativitätstheorie nicht prinzipiell unmöglich. Es gibt da ein Schlupfloch, das man nutzen könnte. Die schlechte Nachricht ist: Man muss ziemlich gute Kohlen auflegen, um genug Energie zu haben. Es muss Materie mit negativer Energiedichte sein, und zwar viel davon. Ein paar Sonnenmassen oder so. Ein Materie-Antimaterie-Reaktor wie in Star Trek reicht nicht aus, weil ein M/ARA leider positive Energie erzeugt. Die taugt nicht für ein Warpfeld.

Nach ein paar Jahren Kreativpause hat man also mal wieder Star Trek aus der Mottenkiste geholt. Seit fast 10 Jahren hatte sich dieses Universum leider in eine falsche Richtung entwickelt. Völlig verfehlte Personalpolitik könnte man es auch nennen. Denn man hatte es versäumt, rechtzeitig eine Nachfolge-Crew für die überalterte Next-Generation-Besatzung aufzubauen. Die TNG-Crew ins Kino zu bringen, war relativ einfach, da die zugehörige Serie zwar mit einem Paukenschlag endete, man sich aber nichts verbaut hatte und man nahtlos ein paar Filme anschließen konnte. Die größte Schwierigkeit bestand noch darin, eine Ausrede für die Anwesenheit des auf Deep Space Nine dienenden Commander Worf zu finden. Bei den folgenden Serien wäre das alles nicht so einfach geworden. Sisko war nach der letzten DS9-Episode bei den Propheten, den konnte man nicht einfach wiederbeleben. Ein Kinofilm mit Major Kira als Identifikationsfigur? Schwierig, aber das wäre vielleicht gegangen, eventuell. Man schaue sich mal die Romane der inoffiziellen DS9 Season 8 an. Zu dem Zeitpunkt, als man diese Entscheidung hätte treffen müssen, stand die TNG-Crew aber noch gut im Saft. Die Voyager fliegt nach ihrem kleinen Abenteuer im Delta-Quadranten nirgendwo mehr hin und ist ein Museumsstück. Keine Chance, da Kinofilme draus zu machen. Und über die Enterprise NX-01 breiten wird mal besser den Mantel des Schweigens.

Also was tun? Ich sehe hier einen Generationenkonflikt. Fragt man ältere Semester, was Star Trek für sie ausmacht, dann denken diese Leute an Kirk, Spock und die alte Serie von 1966. Für diese Leute macht es Sinn, die Storyfäden im 23. Jahrhundert zur Zeit Kirks weiterzuspinnen. Meine Generation dagegen ist mit TNG und DS9 aufgewachsen. Die Classic-Serie fand für uns so gut wie nicht statt. Ich finde sie peinlich und halte sie für einen Unfall. Meine Generation will tendenziell eher, dass etwa im Jahr 2376 weitererzählt wird, wo DS9 und Voayger endeten. Die Viacom als Produzent hat fürs erste entschieden, auf die alten Säcke zu hören und Prequels mit Kirk zu machen. Nach dem Ende von ST:Enterprise spricht zwar nichts dafür, dass die Leute so etwas sehen wollen, aber macht ruhig mal…

Kirk & Co. werden also für den neuen Film reaktiviert, allerdings in sehr jungen Jahren. Wir erleben mit, wie Kirk bei der Sternenflotte ausgebildet wird. Das Drehbuch haben ein gewisser Herr Orci und ein Herr Kurtzman verbrochen. Wie in Nemesis sind die bösen Jungs schon wieder die Romulaner. Hat ja auch letztes Mal schon sehr gut funktioniert… Und sie wollen auch wieder die Erde zerstören. Alles schon mal dagewesen… Aber warum hat niemand dem Maskenbildner gesagt, wie ein echter Romulaner auszusehen hat? Die neuen Romulaner ähneln nicht mehr den Vulkaniern, sondern Shinzon und den Menschen. Warum auch immer.

Die Story ist extrem verworren und geht in etwa so: Im 24. Jahrhundert detoniert eine Supernova, wobei der Planet Romulus leider draufgeht. Okay, würde man sagen, kein großer Verlust. Das Problem ist nur, dass der Romulaner Nero die Sache überlebt hat und Spock die Schuld an dem kleinen Missgeschick gibt. Er folgt ihm in die Vergangenheit, mit dem Ziel, es Spock mal so richtig heimzuzahlen, indem er erst den Planeten Vulkan und dann die Erde vernichten will. Beim Vulkan gelingt ihm das auch, bei der Erde geht unser Held Kirk dann dazwischen. Viel entscheidender ist allerdings, dass durch Neros unfachmännisches herumpfuschen in der Zeitlinie diese vermutlich irreparabel verändert wird. Das ist etwas neues. In den vergangenen Filmen und Serien wurde zwar auch verschiedentlich Unsinn mit der Zeit getrieben, aber es war immer so, dass am Ende das Leben seinen gewohnten Gang in der angestammten Zeitlinie weiterging.

Der ganze Irrsinn ist natürlich nur die Ausrede dafür, dass der neue Star Trek Film einige Sachen gerne etwas anders machen würde. Anders gesagt: Man traute sich nicht, für den neuen Film die Kontinuität mit dem bereits bestehenden ST-Universum zu wahren. Es gibt gute Gründe dafür. Das bestehende Universum ist möglicherweise ausgelutscht. Es sind einfach alle Geschichten erzählt, die es zu erzählen gibt. Nachdem man einige Zeit zugesehen hat wird man das Gefühl nicht los, dass in die neue Zeitlinie ein kräftiger Schluck Spiegeluniversum eingekreuzt wurde. Teilweise ist der Film extrem schräg. Das ganze ist mal wieder Teil einer Offensive zur Gewinnung des Publikums der breiten Masse. Wir Fans sind dem Film ehrlich gesagt ziemlich egal. Man versuche gar nicht erst, aus dem Film irgendetwas für die bekannte Zeitlinie der früheren Filme abzuleiten. Es geht nicht. Hier ist alles anders. Aber leider nicht alles besser. Vor allem das Drehbuch ist eine Katastrophe voller logischer Brüche.

Orci und Kurtzman haben größte Schwierigkeiten, das Kadettendasein der jungen Hauptdarsteller mit der staatstragenden Tätigkeit der Rettung der Galaxie unter einen Hut zu bringen. Kadetten haben im bisherigen ST-Universum einfach nichts zu melden und kommandieren keine Raumschiffe, wenn man mal von den durchgedrehten Red Squads auf der USS Valiant absieht. Es gibt einfach keinen glaubwürdigen Weg, um den Kadetten Kirk auf seinen wohlverdienten Stuhl in der Mitte der Brücke zu bringen. Die Autoren haben dieses Problem trotzdem gelöst: Als der Notruf vom Vulkan kommt, ist die Sternenflotte gerade anderweitig beschäftigt. Angeblich gibt es nicht genug ausgebildete Offiziere auf der Erde, um die wenigen Raumschiffe zu bemannen, die man verfügbar hat. Schon der größte Führer aller Zeiten wusste: In solchen Situationen schickt man den Volkssturm los, das letzte Aufgebot in Gestalt der Sternenflottenkadetten, um die Schiffe vollzukriegen. Der extreme Personalmangel führt dazu, dass bald jeder der Kern-Charaktere mal das Kommando auf der Brücke hat. Das ist nichts unübliches. Der Fähnrich wächst mit seinen Aufgaben… Der Film gleicht dadurch über längere Strecken allerdings einem Kindergebutstag vor der Kulisse der Brücke eines Raumschiffs. Kadett Kirk wird bald für die Dauer der Mission zum 1. Offizier befördert und landet auf dem angestrebten Sessel auf der Brücke. Den Vogel schießt der Film allerdings ab, als Kirk nach erfolgreicher Rettung der Erde zum Captain der Enterprise befördert wird. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Der Mann überspringt vier Ränge und man gibt ihm gleich mal das Flaggschiff der Flotte. Unglaubwürdiger geht es nicht mehr. Sowas sind Geburtsfehler der neuen Zeitlinie. Sie wird ewig darunter leiden, dass Kurtzman und Orci über alle Maßen unfähig waren.

Anderes Beispiel: Kirk wird wegen penetranter Renitenz von der Enterprise auf einem Eisplaneten ausgesetzt, wo er ganz zufällig den Spock aus der Zukunft trifft und so die galaktische Weltverschwörung durchblickt. Wie bekommen wir ihn jetzt aber zurück auf das Schiff, nachdem die Enterprise schon seit Stunden mit Überlichtgeschwindigkeit weggeflogen ist? Das ist ein ernsthaftes Problem, das einen echten Drehbuchautor fordert. Der Autor hat es gelöst, indem er sich eine Transwarp-Transporter-Theorie aus der Zukunft aus dem Arsch zog. Unterste Schublade, aber ich bin geneigt, ihm das zu verzeihen, weil in den alten Serien auch schon mal über echt weite Distanzen gebeamt wurde, wenn es der Story dienlich war.

Optisch ist der neue Film zwar ein Hingucker. Star Trek war immer vorne mit dabei wenn es um modernste Spezialeffekte ging. Das ist auch hier nicht anders. Was ich als Fan dem Film aber absolut nicht verzeihe ist, dass er vier Serien und zehn Kinofilme in eine Nebenlinie der Zeit abschiebt und so das Erbe von vierzig Jahren Star Trek mit Füßen tritt. Die Ankündigung, dass weitere Filme aus dieser Zeitlinie kommen, wenn es gut läuft, empfinde ich eher als Drohung.

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1 Antwort zu Der neue Star Trek Film – Ein Schritt in die falsche Richtung

  1. sodomedia sagt:

    also, sooo geil fand ich den neuen Bond nicht. (oder bezieht sich das auf die veranstaltung an der uni?)

    aber schöner Text.

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